Kinderalltag - Kunstbegegnung und Kulturkontakte

Verbrieft, und von kaum jemandem angezweifelt, haben Kinder angeblich auch das Recht auf Kunst. Welche Kunst speziell gemeint ist, ist weniger klar, führt auch eher zu mehr oder weniger heftigen Diskussionen unter Erwachsenen, die sich dabei in diffuse Qualitätskriterien und abstrakte Kunststreitigkeit verwickeln. 

Ich habe mich bemüht, der Ist-Situation anhand der Alltagssituation von Kindern unterschiedlicher Altersstufen möglichst nahe zu kommen. Die Einzelbeispiele sind ebenso fiktiv wie die beschriebenen Kinder.

Hannah ist knapp 3 Jahre alt, und erst seit kurzem im Kindergarten, ebenso wie Mara. Im Unterschied zu Hannah ist Maras Muttersprache nicht Deutsch, und so kommt bei ihr zu Trennungsschmerz und Neuorientierung noch die Tatsache, dass sie viel hört, aber kaum versteht.

Hannah erfährt von der Kindergärtnerin, aus den erwartungsvollen Gesprächen der anderen Kinder und auch zu Hause, dass eine Theatergruppe kommt. Sie kann sich nichts darunter vorstellen, ist aber beruhigt, dass nicht der Kasperl kommt, vor dem sie sich kürzlich schrecklich fürchten musste. Auch, dass an diesem Tag alles anders sein wird, weiß sie im Vorhinein.

Mara bekommt mit, dass die Eltern zusätzlich bezahlen müssen, was sie erwartet, kann ihr niemand wirklich erklären, auch nicht die Eltern.

Am Tag der Theatervorstellung ist wirklich alles anders als gewohnt. Fremde Menschen tragen eigenartige Dinge in den Gruppenraum (in Wien gibt es kaum Bewegungsräume), die Kinder müssen in der Sammelgruppe bleiben oder am Gang mit wenigen Spielen auskommen. Wenn es endlich beginnt, ist auch der Gruppenraum verändert.

Zwischen Puppenecke und Bauecke stehen eigenartige Dinge, der restliche Raum ist mit eng aneinander stehenden Sesseln gefüllt. Die Kinder aller Gruppen kommen zuschauen und formieren sich zu einer unübersehbaren und unüberwindlichen Masse. Wer wo sitzt, bestimmen die Erwachsenen und so landet Hannah, die mittlerweile sehr gespannt ist, ziemlich weit hinten, genau hinter einem der Großen, der ihr die ganze Sicht nimmt. Mara, die gern Distanz zum großen Geschehen hätte, wird ein Platz in der ersten Reihe zugewiesen. Beiden gelingt es schließlich doch, wie alle anderen auch, in das Bühnengeschehen emotional einzutauchen.

Wie das überhaupt möglich ist, fragt man sich als Erwachsener, den Kindergartenmobilar und Raumdekoration, schrillende Telefone und Gesprächsfetzen aus Nachbarräumen ständig irritieren. Dank der besonderen kindlichen Fähigkeit zu selektiver Wahrnehmung, Identifikation und Phantasie, belegt die Wissenschaft und beweist die Praxis, sind Kinder sogar unter solchen Bedingungen im Stande, wesentliche Aspekte der Erzähl- und Kommunikationsform Theater zu erleben.

Jakob ist 5 Jahre alt, er geht gern ins Theater; aber lieber mit seinen Eltern, die dann neben ihm sitzen und denen er während der Vorstellung etwas zuflüstern kann. Robert geht auch gern, er kennt Theater nur als Kindergartenausflug. Am besten gefällt ihm daran, dass sie U-Bahn fahren, und Autobus und Straßenbahn. Außerdem wird es im Theater finster, da ist unbemerkt einiges möglich, was die Kindergärtnerin sonst gleich bemerkt und tadelt. Zum Beispiel, dass er auf dem Sessel kniet, um besser über die hohe Sessellehne zu sehen oder den vor ihm sitzenden ein bisschen am Pullover zu zupfen.

Vor dem Theater gibt es, wie immer, schon ein Gedränge, aus dem man aber nicht weg darf, denn wenn die Erwachsenen auch nur einen einzigen suchen müssen, sitzt die ganze Gruppe hinten, und dann hört und sieht man nichts mehr in dem riesigen Raum. Die Bühne ist weit vorne, hoch oben und dennoch, meistens war es dann doch sehr schön.

Wie das überhaupt möglich ist, fragt man sich als Erwachsener, der auf Kinderniveau rutschend nur Sessellehnen, Köpfe und baumelnde Gliedmaßen wirklich deutlich erkennt und durch geflüsterte Gesprächsfetzen und laute Publikumsbeteiligung ständig herausgerissen wird.

Dank der besonderen kindlichen Fähigkeit zu selektiver Wahrnehmung, Identifikation und Phantasie, belegt die Wissenschaft und beweist die Praxis, sind Kinder selbst unter solchen Bedingungen im Stande, Theater als faszinierende Kunstform zu erleben.

Anne ist 9 Jahre alt, sie besucht eine öffentliche Volksschule. Sie geht gern und oft ins Theater, war mit ihren Eltern auch schon in großen Theatern und Konzerten. Dort ist es ganz anders, wie in der Schule, wenn Theatergruppen im Turnsaal spielen. Markus geht in die vierte Klasse, er findet Theater grundsätzlich öd und lähmend, aber immer noch besser als Ausstellungen, denn über die müssen sie immer Aufsätze schreiben. Schulvorstellungen haben außerdem den Vorteil, dass man nicht hinfahren muss, mit Lehrern die wegen allem auszucken und sich ständig genieren.

Das Bühnenbild entspricht kaum den speziellen Gegebenheiten des Turnsaals, der Bühnenbereich ist bestenfalls durch Licht etwas hervorgehoben, für spezielle lichttechnische Effekte reichen weder Stromanschluss noch Aufbauzeit. Anne erkennt die Unterschiede zu Aufführungen in Theatern, dafür kann sie hier meist mit den Schauspielern reden. Markus setzt sich freiwillig in die letzte Reihe. Zwischendurch interessiert ihn doch, was da vorne los ist, aber er sieht kaum etwas, rutscht vorwärts, seitwärts; stößt an andere; wird ermahnt.
Also ist es doch Schwachsinn!

Beobachtungen, Rückmeldungen und Gespräche erstaunen den außen stehenden Erwachsenen, dem nicht erklärlich scheint, wie man in akustisch ungeeignetem Raum, auf knautschenden Matten und unbequemen Bänken hockend, wesentliche atmosphärische Stimmungen auch nur erahnen kann.

Ohne das kindliche Bedürfnis nach gut erzählten Geschichten mit deutlichen Identifikationsfiguren, die Fähigkeit mit individueller Phantasie mitzugestalten und die prinzipielle Faszination, die Schauspiel und Verwandlung in fast allen Menschen auslöst, wären Theateraufführungen an Schulen wohl nicht möglich.

Zusammenfassend muss man feststellen:
Theater für Kinder findet immer in ungeeigneten Räumen statt. Im Gegensatz zu Volksschulen und NÖ-Kindergärten verfügen Wiener Kindergärten selten über adäquaten Mehrzweckräume.
In Bezug auf die räumlichen Gegebenheiten sind eigentlich immer zu viele Kinder in der Vorstellungen.

Das Stilmittel „Licht" ist nicht ohne Grund bei den meisten Gruppen vernachlässigt, denn wer zu Kindern geht, muss darauf verzichten. Wer an einem der verfügbaren Veranstaltungsort gastiert, darf wegen einer Abendproduktion die vorhandene Technik meist nicht verändern oder findet gerade ausreichend Scheinwerfer für eine Gesamtausleuchtung vor.

Wer trotz aller Widrigkeiten weiterhin zu Kindern geht hat nur wenige Möglichkeiten.
Im Kindergartenbereich heißt die Alternative meist Tischbühne oder Kasperltheater, bestenfalls Einmann/Einfrau-Koffertheater.

In Turnsälen und Bewegungsräumen bedeutet es, immer längere Aufbauzeiten, durch immer gezieltere Bühnenraumgestaltung. Ein Aufwand, der aufgrund der Zusatzkosten kaum ohne Stützung oder erhebliche Preiserhöhung dauerhaft realisierbar ist.

Die weitaus gängigere Variante ist eine Genreverschiebung von Theater zu musikalisch animierten Unterhaltungsprogrammen, wobei das Angebot weiterhin unter „Theater" firmiert.

Mir erscheint eine, bisher unbeachtete Variante weitaus effizienter. Im Wiener Raum gibt es kaum ein Grätzel, wo nicht ein Pfarrsaal, Parteilokal oder anderer Mehrzweckraum leer steht, zumindest vormittags. Räume, die in irgend einer Form der Bezirksbevölkerung gewidmet sind. Sowohl konkrete Anfragen durch uns, als auch durch ortsansässige Kindergärten und Schulen, werden durchwegs mit Mietvorstellungen beantwortet, die den Kostenbeitrag je Kind verdoppeln würden.

Versteht man das hierorts als Unterstützung des Rechtes auf Kunst?

Wir leisten unseren Beitrag durch spezielle Gruppenermäßigungen, die für jede Familie leistbar scheinen. (Bei kleinen Kindergärten macht der notwendige Sockelbetrag aber dennoch mehr als eine Normalpreiskarte aus, Kindergruppen scheiden gänzlich aus)

Die Eltern der Kinder leisten, auch bei mehreren Kindern und schwierigen Finanzsituationen ihren Beitrag.

Einen wesentlichen Beitrag leisten auch all jene Pädagoginnen, die Theateraufführungen oder Theaterbesuche organisieren.

Wo bitte ist der Rest der Gesellschaft?

Wo sind die alltäglichen Zeichen aktiver Nächstenliebe, wo die sichtbaren Reste sozialer Verantwortung.

Ich denke, dass sich alle Richtungen recht freizügig und selbstverständlich der Nachfolgegeneration bedienen, wenn es um Selbstdarstellungen und Propagandazwecke geht, also den Eigeninteressen dienlich ist. Eine 3-4stündige Nutzung (wobei 2-3 Stunden nicht durch Kinder, sondern für Auf- und Abbau genutzt werden) bringt meiner Einschätzung nach weder Pfarren noch Parteizentralen finanziell in die Krise.

Die Situation, dass es für Kinder weder adäquat adaptierte noch leicht erreichbare Kulturräume gibt, beweist den gesellschaftlichen Umgang; den Stellenwert, den wir Kindern zubilligen.

Wir freuen uns über jede Zurechtweisung wegen verallgemeinernder Unterstellung und veröffentlichen gern all jene Mehrzweckraumverwalter- und Besitzer, die den Kindern ihrer Umgebung kostenlos, kulturelles Obdach gewähren. (Ohne Ansicht von Herkunft und Konfession)

Heide Rohringer

 

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